Deponieren statt Recyceln? Warum Brandenburg beim Straßenbau wertvolle Rohstoffe vergräbt

3. Juni 2026

Eine Recherche der Stadtfunk Redaktion

EDIT (04.06.2026): Das Bundeskabinett erklärt die Kreislaufwirtschaft zur strategischen Antwort auf Rohstoffknappheit, Importabhängigkeit und Klimaschutz. Gleichzeitig sollen in Brandenburg weiterhin Millionen Tonnen mineralischer Stoffe deponiert werden, obwohl sie als Recyclingbaustoffe erneut eingesetzt werden könnten. Wenn selbst Straßenaufbruch noch als Deponiegut betrachtet wird, ist die viel beschworene Kreislaufwirtschaft nicht mehr als ein Sonntagsbekenntnis.

Wer heute eine Bundesstraße, Landesstraße oder Autobahn saniert, verfügt über Technologien, die eine nahezu geschlossene Kreislaufwirtschaft ermöglichen. Alte Betonfahrbahnen werden aufgebrochen, von Bewehrungsstahl getrennt, direkt vor Ort oder in unmittelbarer Nähe zerkleinert und anschließend als Tragschicht oder Frostschutzschicht für die neue Straße wiederverwendet.

Das Verfahren ist technisch ausgereift, ökologisch sinnvoll und wirtschaftlich attraktiv. Dennoch werden auch heute noch erhebliche Mengen mineralischer Bauabfälle deponiert. Das wirft eine grundlegende Frage auf:

Ist das Deponieren von Straßenbau-Abrissabfällen im Jahr 2026 überhaupt noch zeitgemäß?

Moderne Straßenbausanierung funktioniert längst als Rohstoffkreislauf

Beim Rückbau einer Betonfahrbahn entsteht kein wertloser Abfall. Der aufgebrochene Beton wird zu hochwertigem Recyclingmaterial aufbereitet und kann natürliche Rohstoffe wie Kies oder Schotter ersetzen.

Der Ablauf ist einfach:

  • Aufbrechen der alten Fahrbahn
  • Trennung von Stahl und Fremdstoffen
  • Zerkleinerung durch mobile Brechanlagen
  • Wiedereinbau als Unterbau, Tragschicht oder Frostschutzschicht

Darüber hinaus kann sorgfältig aufbereiteter Beton sogar als Zuschlagstoff für die Herstellung von Recyclingbeton (R-Beton) verwendet werden.

Was früher als Bauschutt galt, ist heute ein wertvoller Sekundärrohstoff.

Deponieren bedeutet doppelte Kosten

Wer Straßenbeton deponiert, zahlt häufig gleich mehrfach.

Zunächst entstehen Kosten für Transport und Deponierung. Anschließend muss neues Material aus Kiesgruben oder Steinbrüchen beschafft und zur Baustelle transportiert werden.

Demgegenüber steht das Recycling direkt an der Baustelle oder in regionalen Aufbereitungsanlagen.

Die wirtschaftlichen Vorteile liegen auf der Hand:

  • Wegfall oder deutliche Reduzierung von Deponiegebühren
  • Vermeidung zahlreicher Transportfahrten
  • Einsparung beim Einkauf von Primärrohstoffen
  • Nutzung bereits vorhandener Materialien

Gerade bei großen Straßenbauprojekten können dadurch erhebliche Summen eingespart werden.

Tausende Lkw-Fahrten könnten vermieden werden

Ein Kubikmeter Beton wiegt rund 2,4 Tonnen. Bei der Sanierung größerer Straßenabschnitte fallen schnell mehrere Tausend Tonnen Material an.

Wird dieses Material deponiert, müssen Lastwagen den Beton abtransportieren. Gleichzeitig fahren weitere Lastwagen neues Material von Steinbrüchen zur Baustelle.

Beim Recycling vor Ort entfällt ein Großteil dieser Transporte.

Die Folgen:

  • weniger CO₂-Ausstoß
  • weniger Kraftstoffverbrauch
  • weniger Straßenverschleiß
  • weniger Lärm für Anwohner
  • weniger Belastung der Verkehrsinfrastruktur

Vor dem Hintergrund der Klimaschutzziele erscheint es zunehmend widersprüchlich, verwertbare Baustoffe quer durchs Land zu transportieren, um sie anschließend zu vergraben.

Brandenburg steht vor einem Deponieproblem

Auch in Brandenburg wird seit Jahren über knappe Deponiekapazitäten diskutiert. Immer wieder werden neue Deponiestandorte geplant oder bestehende Anlagen erweitert.

Gleichzeitig werden enorme Mengen mineralischer Baustoffe bewegt, die vielfach wiederverwendet werden könnten.

Die Frage drängt sich auf:

Warum wird zusätzlicher Deponieraum geschaffen, wenn ein erheblicher Teil der eingelagerten mineralischen Materialien technisch verwertbar ist?

Jede Tonne recycelten Straßenaufbruchs schont Deponiekapazitäten und reduziert gleichzeitig den Bedarf an neu abgebauten Rohstoffen.

Kreislaufwirtschaft statt Wegwerfmentalität

Die europäische und deutsche Abfallpolitik verfolgt seit Jahren ein klares Ziel: Verwertung vor Beseitigung.

Deponierung soll grundsätzlich die letzte Option sein.

Gerade deshalb wirkt es aus der Zeit gefallen, wenn hochwertiger Betonaufbruch oder andere mineralische Baustoffe nicht konsequent dem Stoffkreislauf erhalten werden.

Während Bürger immer stärker zu Mülltrennung und Ressourcenschonung aufgefordert werden, scheint im Bereich großer Infrastrukturprojekte teilweise noch immer das Prinzip zu gelten: Abfahren, entsorgen, neu kaufen.

Es gibt Ausnahmen – aber sie sind nicht die Regel

Natürlich ist nicht jeder Straßenaufbruch problemlos recycelbar.

Probleme entstehen insbesondere bei:

  • teerhaltigen Altbelägen mit Schadstoffbelastungen
  • stark verunreinigten Materialien
  • Mischabfällen mit Holz, Kunststoffen oder anderen Fremdstoffen

In solchen Fällen können besondere Behandlungs- oder Entsorgungsverfahren notwendig sein.

Doch diese Ausnahmen dürfen nicht dazu führen, dass grundsätzlich verwertbare Baustoffe weiterhin auf Deponien landen.

Die eigentliche Frage lautet: Warum nicht konsequent recyceln?

  • Die technische Machbarkeit ist nachgewiesen.
  • Die ökologischen Vorteile sind offensichtlich.
  • Die wirtschaftlichen Vorteile sind vielfach belegt.
  • Deshalb stellt sich heute nicht mehr die Frage, ob Straßenaufbruch recycelt werden kann.

Die entscheidende Frage lautet vielmehr:

Warum wird die Deponierung überhaupt noch zugelassen, wenn keine Schadstoffbelastung vorliegt und eine hochwertige Verwertung möglich ist?

Gerade Brandenburg könnte hier Vorreiter einer modernen Kreislaufwirtschaft werden. Statt wertvolle mineralische Rohstoffe zu vergraben, sollten sie konsequent dort eingesetzt werden, wo sie gebraucht werden – direkt im Straßenbau.

Denn jede deponierte Tonne Beton ist letztlich nichts anderes als ein Rohstoff, der unnötig verloren geht.

In Zeiten knapper Ressourcen, wachsender Deponieprobleme und ambitionierter Klimaziele ist das weder ökologisch noch ökonomisch nachvollziehbar.

Quellenverzeichnis (hinzugefügt am 04.06.2026 auf Wunsch eines Lesers)

Bundesministerium für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMUKN) (2025): Ersatzbaustoffverordnung (ErsatzbaustoffV) – Häufig gestellte Fragen. Berlin. Verfügbar unter: Bundesumweltministerium – Ersatzbaustoffverordnung (abgerufen am 02.06.2026).

Bundesministerium für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMUKN) (2023): Verordnung über Anforderungen an den Einbau von mineralischen Ersatzbaustoffen in technische Bauwerke (Ersatzbaustoffverordnung – ErsatzbaustoffV). Berlin. Verfügbar unter: Ersatzbaustoffverordnung – Gesetzestext und Erläuterungen (abgerufen am 02.06.2026).

Umweltbundesamt (UBA) (2025): Bauabfälle – Verwertung und Entsorgung ausgewählter Abfallarten. Dessau-Roßlau. Verfügbar unter: Umweltbundesamt – Bauabfälle (abgerufen am 02.06.2026).

Umweltbundesamt (UBA) (2019): Recycling-Gesteinskörnungen aus Bau- und Abbruchabfällen. Dessau-Roßlau. Verfügbar unter: Umweltbundesamt – Recycling-Gesteinskörnungen (abgerufen am 02.06.2026).

Umweltbundesamt (UBA) (2022): Stoffstrommanagement im Bauwesen – Recycling-Beton und Kreislaufwirtschaft. Dessau-Roßlau. Verfügbar unter: Umweltbundesamt – Stoffstrommanagement im Bauwesen (abgerufen am 02.06.2026).

Bundesrepublik Deutschland (2023): Kreislaufwirtschaftsgesetz (KrWG). Gesetz zur Förderung der Kreislaufwirtschaft und Sicherung der umweltverträglichen Bewirtschaftung von Abfällen. Berlin.

Bundesrepublik Deutschland (2023): Verordnung über Deponien und Langzeitlager (Deponieverordnung – DepV). Berlin.

Kreislaufwirtschaft Bau (2024): 14. Monitoring-Bericht zum Aufkommen und Verbleib mineralischer Bauabfälle im Jahr 2022. Berlin. Die im Bericht veröffentlichten Daten werden vom Umweltbundesamt ausgewertet und veröffentlicht.

Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen (FGSV) (aktuelle Ausgabe): Technische Lieferbedingungen für Baustoffgemische und Böden zur Herstellung von Schichten ohne Bindemittel im Straßenbau (TL SoB-StB). Köln.

Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen (FGSV) (aktuelle Ausgabe): Merkblatt über Bauweisen mit Recyclingbaustoffen im Straßenbau. Köln.

 

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