Zwischen Bagatellnotruf und Gebührenstreit

5. Mai 2026

Von Ronny Brösemann, Rettungssanitäter in KW

Warum das System Rettungsdienst kollabiert

In der rein bürokratischen Debatte um Gebührensätze und dem Streit zwischen den Krankenkassen und dem Landkreis Dahme-Spreewald wird leider die Perspektive des Rettungsdienstpersonals vergessen. Ich möchte mit meinem Statement die Finger in die offene Wunde legen – ich bin hier in KW Notfallsanitäter.

Gleichzeitig macht mir persönlich die aktuelle Debatte große Sorgen: Mir tun die Menschen leid, die nun aus Angst vor den Kosten auf Hilfe verzichten. Das ist der völlig falsche Weg.

Ich möchte an alle Bürger appellieren: Zögern Sie bei echten Notfällen nicht, die 112 anzurufen. In Ihrem Telefonat werden Sie gezielt zur Situation befragt und erhalten unverzüglich lebenswichtige Tipps zur Versorgung akut gefährdeter Personen. Die Entscheidung über die Entsendung eines Rettungswagens oder Notarztes obliegt allein der professionellen Leitstelle. Sie dürfen und sollen erwarten, dass unverzichtbare Hilfe zu Ihnen unterwegs ist – ausgestattet mit modernster Technik, Medikamenten und hochqualifiziertem Personal.


Realität im Rettungsdienst

Als Notfallsanitäter im Landkreis Dahme-Spreewald erlebe ich täglich, worüber die Politik und die Krankenkassen derzeit nur auf dem Papier streiten. Während sich die Verwaltung und die Kassen gegenseitig die Verantwortung für die Kosten zuschieben, stehen wir in der Realität vor einem massiven strukturellen Problem. Eine öffentliche Diskussion darüber ist nicht nur notwendig, sie ist längst überfällig.

Die aktuelle Kostenexplosion ist nicht allein das Ergebnis von Inflation oder teurer Technik. Sie ist das Resultat einer jahrelangen „Mitnahmekultur“ und einer massiven Fehlsteuerung von Hilfeersuchen.

Wir beobachten ein enormes Anspruchsdenken: Ein nicht unwesentlicher Teil derer, die den Notruf 112 wählen, steht bereits mit gepackter Tasche am Straßenrand – oft wegen unkritischer Gesundheitszustände, die eigentlich in eine Hausarztpraxis gehören.

Wir rücken zu dramaturgisch überbewerteten Bagatellen aus:

  • kleinste Verletzungen
  • harmlose Alltagsunfälle
  • klassische Erkältungen

Jeder dieser Einsätze bindet hochqualifiziertes Personal und teures Equipment, das für echte Lebensgefahr dann eventuell nicht rechtzeitig zur Verfügung steht.


Ursachen der steigenden Kosten

Die hohen Gebühren, um die nun gestritten wird, sind auch die Quittung für:

Fehlende Investitionen
Über Jahre wurde bei Gebäuden, Fahrzeugen und der Personalentwicklung gespart. Dieser Sanierungsstau muss jetzt teuer nachgeholt werden.

Fehlgeleitete Inanspruchnahme
Solange der Rettungsdienst als „Taxi-Ersatz mit Blaulicht“ missverstanden wird, werden die Kosten weiter steigen.

Wir brauchen keine Debatte darüber, wer wem welche Rechnung schickt. Wir brauchen eine Lösung für die Ursachen. Es braucht Investitionen in moderne Strukturen und gleichzeitig eine ehrliche Aufklärung der Bevölkerung darüber, was ein Notfall ist – und was nicht.


Wer leidet unter dem Streit?

Die Leidtragenden des aktuellen Streits sind am Ende:

  • die Bürger, die nun mit Rechnungen in Vorleistung gehen müssen
  • die Einsatzkräfte, die ein System stützen, das zu zerbrechen droht

Der konkrete Konflikt (Stand: Mai 2026)

Im Streit zwischen dem Landkreis Dahme-Spreewald und den gesetzlichen Krankenkassen geht es um die Finanzierung der Rettungsdienstgebühren – insbesondere um gestiegene Kosten und sogenannte Fehlfahrten.

Die Kernpunkte:

Keine Einigung bei der Gebührenkalkulation
Die Verhandlungen über die Rettungsdienstgebühren 2025/2026 sind gescheitert.

Finanzierung von Leerfahrten
Krankenkassen weigern sich, Einsätze vollständig zu bezahlen, bei denen kein Transport ins Krankenhaus erfolgt.

Gestiegene Betriebskosten
Begründet durch bessere Technik (z. B. hydraulische Tragen) und steigende Einsatzzahlen.

Rechnungen an Patienten
Bürger sollen Kosten zunächst selbst tragen und anschließend bei der Krankenkasse einreichen.

Die aktuelle Grundlage ist die „Satzung über die Erhebung von Gebühren für Leistungen im Rettungsdienst“ (Stand: 01.01.2026).


Was können Sie als Bürger tun?

Warten Sie nicht, bis die erste Rechnung in Ihrem Briefkasten liegt. Werden Sie aktiv und schreiben Sie Ihrer Krankenkasse.

Erinnern Sie Ihre Versicherung daran, dass Sie für eine lückenlose Notfallversorgung Beiträge zahlen. Fordern Sie Ihre Kasse auf, die Blockadehaltung gegenüber dem Landkreis Dahme-Spreewald aufzugeben und sich auf eine faire Finanzierung zu einigen.

Die Krankenkassen tragen die Verantwortung dafür, dass Sie im Notfall ohne finanzielle Sorgen die 112 wählen können.


Warum Druck auf die Krankenkassen sinnvoll ist

  • Versicherte zahlen Beiträge für medizinische Versorgung
  • Verweigerte Kostenübernahme untergräbt dieses Prinzip
  • Viele Beschwerden erzeugen administrativen Druck
  • Die Verantwortung wird klar zugeordnet

Konkreter Rat

Im Falle eines Gebührenbescheids:

Stellen Sie sofort einen
„Antrag auf Kostenübernahme und direkte Abrechnung“
bei Ihrer Krankenkasse.


Musterbrief an die Krankenkasse

(Kopieren, ausfüllen und versenden)

Betreff: Sicherstellung der Notfallversorgung und Kostenübernahme im Landkreis Dahme-Spreewald

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich bin bei Ihrer Krankenkasse versichert und verfolge mit großer Sorge die aktuelle Berichterstattung über den Streit bezüglich der Rettungsdienstgebühren im Landkreis Dahme-Spreewald (LDS).

Als Beitragszahler vertraue ich darauf, dass meine medizinische Notfallversorgung finanziell abgesichert ist. Es ist für mich unverständlich, dass ich aufgrund gescheiterter Verhandlungen damit rechnen muss, Gebührenbescheide für notwendige Rettungseinsätze privat zu erhalten und in Vorleistung zu gehen.

Ich fordere Sie daher auf:

  1. Geben Sie Ihre Blockadehaltung gegenüber der aktuellen Gebührensatzung des Landkreises LDS auf.
  2. Stellen Sie sicher, dass Rettungsdiensteinsätze weiterhin direkt zwischen Leistungserbringer und Kostenträger abgerechnet werden.
  3. Bestätigen Sie mir, dass Sie im Notfall die Kosten vollständig übernehmen und mich von privaten Zahlungsaufforderungen freistellen.

Es darf nicht sein, dass Patienten aus Angst vor finanziellen Belastungen zögern, im Notfall die 112 zu wählen.

Mit freundlichen Grüßen

(Name, Vorname)
(Versichertennummer)


Teilen Sie diesen Musterbrief mit Nachbarn und Freunden im Landkreis. Je mehr Menschen ihre Krankenkassen kontaktieren, desto größer wird der Druck, den Konflikt zu lösen.

Viele Krankenkassen bieten dafür Apps oder Online-Portale, über die sich solche Anfragen einfach einreichen lassen.

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